familienstellen - wir alle tragen mit

Die erste Erfahrung einer Familienaufstellung machte ich mit 18 Jahren. Meine Mutter nahm mich mit nach Freiburg, sie wollte ein Thema für sich aufstellen.

Wir kamen also in Freiburg an, insgesamt waren 10 weitere Menschen anwesend. Ich hatte absolut keine Ahnung was uns hier erwarten würde. Ich war eher skeptisch und versprach mir von diesem Unterfangen nicht viel. Meine Mutter stellte ihr Thema vor, dann wählte sie aus den anwesenden Personen Stellvertreter für die Personen ihrer Herkunftsfamilie aus. Eine war ihre Mutter, ein anderer ihr Vater, usw. Diese Personen agierten nun miteinander. Jeder sagte, wie er/sie sich fühlen. Eine Dynamik entstand.

Ich kann mich heute nicht mehr genau erinnern, was dort alles besprochen wurde. Ich erinnere mich nur noch an die vielen Tränen, die geweint wurden und die große Verzweiflung.

Mein Fazit war: Das mache ich nie wieder!

Viele Jahre später, als ich auf meinem eigenen Weg war, begegnete mir wieder die Aufstellungsarbeit. Ich bekam die Empfehlung selbst mein Thema aufzustellen.

Ich hatte immer das Gefühl irgendwie falsch am Platz zu sein, nirgends gehörte ich so richtig dazu, in meiner Herkunftsfamilie war ich immer in einer beobachtenden Position. Also meldete ich mich zu einem Aufstellungstag an. Innerlich hatte ich große Hoffnung, dass der Termin abgesagt werden würde.

Eine Woche vor der Aufstellung hatte ich jeden Tag Kopfschmerzen und Angst machte sich in meinem ganzen Körper breit: Ich wollte da nicht hin!

Je größer mein Widerstand wurde, desto bewusster wurde mir, wie wichtig dieser Termin für mich war. Ich kann mich heute nur noch bruchstückhaft an meine erste Aufstellung erinnern. Zu Beginn war meine Familie ein wildes Durcheinander von Anschuldigungen und Schwere, mit der Zeit kehrte dann Ruhe ein und zum allerersten Mal erlebte ich Verständnis für alle Familienmitglieder. Ein leiser Frieden stellte sich im Familiensystem ein. Am Ende stellte ich mich an meinen Platz. Dieser Platz war einige Zeit sehr ungewohnt, war er doch neu und unbekannt.

Dieses Erlebnis hatte mich tief fasziniert. Nicht nur, weil die Personen so handelten wie es die realen Personen tun, sondern weil sich danach eine tiefe Dankbarkeit bei mir einstellte. Egal, wie herausfordernd meine Kindheit und Jugendzeit war, diese Familie war die richtige für mich. Sie eröffnete mir Entwicklungspotential, lehrte mich Eigenverantwortung und forderte mich auf innere Stärke zu entwickeln. Meine Ursprungsfamilie schenkte mir den optimalen Nährboden für mein zukünftiges Leben.

Vor zwei Jahren beschloss ich, eine Ausbildung in der Aufstellungsarbeit zu machen. Erst mit Figuren und später mit realen Personen. Ich las viele Bücher von Bert Hellinger, dem Vater des Familienstellens. Beim Lesen wurde mir klar, dass es in jeder Familie Hürden zu meistern gibt. Nirgends gibt es die vollkommene heile Welt. Wir alle tragen mit, ob es uns passt oder nicht. Wir alle sind die Erben unserer Ahnen. Je mehr wir uns trauen, in unser eigenes System zu schauen, desto mehr Heilung und Freiheit bringen wir uns und allen, die vor uns waren und nach uns sein werden.

Ja, eine Aufstellung kann weh tun, es wird sichtbar was verborgen war und nicht immer wollen wir das hören, was gesagt wird. Und doch lohnt es sich. Heute sind Aufstellungen ein fester Teil meiner eigenen Praxis. Da ich nicht immer spontan 10 Menschen zur Verfügung habe, behelfe ich mir hier mit Figuren, Seilen oder Bodenankern. Wir bringen heilende Sätze in das System ein, wo vorher Wut und Ablehnung herrschten, taucht langsam Respekt und Achtung auf.

Bei einer Aufstellung geht es nie darum, dass jemand „Schuld“ ist, es geht darum, dass jeder die Verantwortung trägt, die ihm oder ihr gehört.

Wenn jeder sein eigenes trägt, dann entsteht Frieden.

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The Hero in me…oder auch, wieso retten nicht geht