The Hero in me…oder auch, wieso retten nicht geht
Superhelden begleiten uns seit unserer Kindheit.
Mein persönlicher Lieblingssuperheld ist Batman.
Er ist stark, steht für Gerechtigkeit und hat seine Superkräfte nicht durch einen experimentellen Unfall oder Meteoreinschlag erhalten. Auch ohne Cape ist er ein Held.
Was alle Superhelden gemeinsam haben:
Sie verstecken sich hinter Masken oder Anzügen. Und:
Ohne Opfer wären sie keine Helden.
Man stelle sich einmal vor, Batman hätte den Joker besiegt – und danach wäre Ruhe gewesen. Kein neuer Superschurke, der die Welt in Angst und Schrecken versetzt. Batman hätte in Rente gehen und sein Leben genießen können.
Aber nein. Irgendwo tauchte immer ein Böser auf. Irgendwer musste immer gerettet werden.
Irgendwer war immer schwach.
An diesem Punkt beginnt meine Geschichte.
Ich habe weder Maske noch Cape, keine millionenschwere Technologie – und doch hatte ich über viele Jahre hinweg einen stark ausgeprägten Retter Instinkt. Ging es Menschen in meinem Umfeld schlecht, musste ich eingreifen. Ich wollte Lösungen finden, Verantwortung übernehmen, Heilung bringen.
In Gedanken sagte ich oft:
„Gib mir deine ganze Last. Ich trag sie für dich, damit es dir leichter geht.“
Natürlich kostete mich dieses Retten enorme Energie. Blieb der von mir erwartete Erfolg aus, war die Schlussfolgerung schnell klar: Dann war ich eben nicht gut genug. Ich hatte zu wenig gegeben. Ich müsste mich nur mehr anstrengen – dann würde es schon werden.
Meine Zeichen waren subtiler als bei Batman:
Ein trauriger Gesichtsausdruck, eine schlechte Nachricht, eine Notsituation – und ich war da. Schließlich lag die Besserung ja „scheinbar“ in meinen Händen.
Die Retterrolle ist unfassbar anstrengend, zehrend und überstülpend.
Ich lernte, dass sie mich kein Stück weiterbrachte, sondern mich auslaugte und überforderte.
Eine klare Entscheidung brachte meine Retterrolle zum fallen:
“Ich will das so nicht mehr.”
Ich will für andere da sein – aber in einem für mich gesunden Maß. Ohne erschöpft zu sein. Und ganz sicher, ohne die Probleme anderer mit nach Hause zu nehmen, um dort weiter darüber nachzudenken und Lösungen zu suchen.
Ich erkannte:
Wer Hilfe braucht, fragt.
Jeder trägt die Verantwortung für sein eigenes Leben.
Will jemand keine Veränderung oder Lösung, ist es nicht an mir, das zu ändern.
Ich kann keine fremden Gefühle heilen.
Retten ist paradox.
Es macht uns größer – wir fühlen uns gebraucht, erhalten (vielleicht) Anerkennung und (ein wenig) Wertschätzung.
Und es macht uns gleichzeitig kleiner – weil wir ständig über unsere Kraft, Energie und auch unsere Kompetenzen hinausgehen.
Sich von der Retterrolle zu lösen, erfordert einiges:
Den Mut, sie ehrlich zu erkennen.
Das Vertrauen, sie gehen zu lassen.
Die Leere auszuhalten, die sie hinterlässt.
Die Freude, etwas Neues zu begrüßen.
Und vor allem die Stärke seine eigenen Grenzen zu schützen.
Heute weiß ich:
Ich bin nicht Batman – obwohl mir Schwarz durchaus steht.
Und ich will es auch gar nicht sein.