Harmonie

Harmonie bedeutet Gleichklang-Einheit, schön übersetzt und ein wünschenswerter Zustand für jeden von uns, und doch oft so unendlich weit weg.

Für mich war Harmonie lange: Fehlen von Streit.

Ich wuchs in einer Familie auf, in der es vieles gab, aber sicherlich nur selten Harmonie. Streit und Konflikte waren ein steter Teil der Tagesordnung, fast so wie das tägliche Mittagessen. Irgendwer knallte immer aneinander. War es doch mal still, war Vorsicht geboten: die Ruhe vor dem Sturm.

Je älter ich wurde, desto wichtiger wurde mir Harmonie, koste es was es wolle. „Sag lieber nix.“ „Keine Lust auf Streit.“ „So schlimm ist es auch wieder nicht.“

Harmonie war ein kostbares Gut für mich geworden.

Und doch war sie nicht ehrlich.

In meinem Inneren herrschte oft Chaos, ich wollte mich ausdrücken, sagen was mich belastet und gleichzeitig wollte ich nicht der Auslöser für einen Streit oder Konflikt sein.

Wahre Harmonie entsteht durch Disharmonie.

Ich stelle mir dazu ein Orchester vor: Ziel ist das Spielen der gleichen Melodie, aber für jedes Instrument gibt es ein anderes Notenblatt.

In den ersten Proben ertönen viele schräge Töne. jemand gerät aus dem Takt. ein anderer verpasst seinen Einsatz. die Saite einer Violine reißt. Der Dirigent versucht für Ordnung zu sorgen. Ich stelle mir diese Proben sehr herausfordernd vor, gerade dann, wenn scheinbar alles durcheinanderspielt.  Hören die Spieler nicht nur ihre eigenen schrägen Töne, sondern auch die der anderen.

Was aber am Ende dabei herauskommt, ist ein Meisterwerk: Eine Melodie, die über das Ohr direkt ins Herz geht. Eine Melodie, die trägt und uns träumen lässt. Diese Melodie kann uns zu Tränen rühren oder eine andere Emotion in uns auslösen. Aber nur wenn eines entsteht: Gleichklang.

Vielleicht braucht es ja  zuerst das ganze Chaos, Durcheinander, Stimmen die durcheinander schreien, Töne, die sich falsch anhören, vielleicht sind sie schon teil des Einklangs. Was, wenn es genau diese Schritte braucht, damit Harmonie wahr, authentisch und vor allem tragfähig wird?

Harmonie ist mir nach wie vor wichtig, allerdings habe ich heute keine Angst mehr vor den schrägen Tönen des Lebens, gerade sie machen doch das Gesamtwerk erst perfekt unperfekt.

 

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